Brigitte Maruschka
Lernort - Schule
Konfliktfrei miteinander umgehen
Beschreibung eines Konzepts
Ausgangspunkt:
Mein Ansatz beschreibt einen Weg, wie das konfliktfreie Miteinander jeden Tag geübt und weiterentwickelt werden kann. Es ist nie mein Ziel, Streit und Konflikte zu vermeiden, oder zu unterbinden. Streiten gehört zu einer gesunden Entwicklung. Wird die Klärung von Konflikten in den aktuellen Lern-
Prozess mit einbezogen, kommt eine Entwicklung in Gang, in deren Verlauf den Schülern klarer werden kann:
Was ist mir wichtig? Was ist dir wichtig? -
Wer bin ich? Wer bist du?
Was können wir trotz unserer Unterschiedlichkeit gemeinsam tun ?
Was können wir dank unserer Unterschiedlichkeit voneinander lernen?
Durch diesen beständigen Prozess wird produktives, gemeinsames Lernen möglich, bzw. leichter und lebendiger nicht ohne neue Konflikte weiterhin.
Das Konzept bezieht sich grundsätzlich auf jede Altersstufe und ich habe es über viele Jahre erprobt.
Seitdem ich in der Grundschule vom ersten Schultag damit beginne, kann ich deutlich die Chance sehen, den Kindern so früh wie möglich zu helfen, ihre Konflikte selbstverantwortlich austragen zu lernen. Das heißt für mich, Hilfen geben zur Weiterentwicklung des einzelnen Kindes. Dies beeinflusst auch spürbar positiv die Gruppe, bzw. Klasse. Es kann ein Raum, eine Atmosphäre entstehen, in der sich das einzelne Kind angstfreier bewegen kann, weil seine Grenzen beachtet und geschützt werden - seine Fähigkeiten und was es “mitbringt” zum Vorschein kommen, und es dadurch selbstbewusster und offener fürs Lernen wird.
Beschreibung und Vorgehensweise
Lukas und Chris Klasse 1 Einzelarbeit
Die Kinder haben eine stille Übungsphase. Lukas und Chris sitzen am gleichen Gruppentisch. Schon mehrere Male hat sich Lukas zu Chris hinübergebeugt. Jetzt steht Chris abrupt auf. Thorsten, Chris`s Nachbar, mischt sich ein. Die Kinder schimpfen heftig. Die stille Arbeit ist an diesem Tisch zu Ende.
Schritt 1 - Gegenüberstellung
Ich gehe zu den Beiden hin. Chris schaut hilflos und hat Tränen in den Augen. Thorsten ist sichtlich empört: “Der Lukas nimmt dem Chris immer die Stifte weg!” Diese sind besonders schön und sorgfältig gespitzt.
Ich führe beide Kinder am Arm und stelle sie so, dass sie sich anschauen können.
Schritt 2 Der Konflikt wird offen ausgesprochen
Meine Hand liegt auf Chris’s und Lukas’s Schulter.
Chris, was möchtest du Lukas sagen?”
Chris schaut mich schüchtern an und sagt nichts. “Kann ich etwas tun?”
Jetzt äußert Chris, zu mir gewandt: “Er soll mir den Dickie geben!”
Die körperliche Berührung meine Hand auf der Schulter von beiden Kindern spielt bei der Vorgehensweise eine wichtige Rolle. Sie stärkt die Annäherung und das Verbindende.
Schritt 3 - Die Zuständigkeit/Verantwortung wird den Kindern gegeben
“Sage das dem Lukas selbst.” Dies ist ein wichtiger Schritt: Ich gebe dem Kind seine Verantwortung. Anfangs ist dies ein schwerer Schritt und ich helfe, den Satz zu formulieren. Es dauert eine Weile, bis Chris es geschafft hat. “Du sollst mir meinen Dickie geben.”
Schritt 4 Die Kinder lernen, ihre Gefühle wahrzunehmen und Verständnis für sich und andere zu entwickeln
„Chris, wie ist das für dich, wenn Lukas deine Stifte wegnimmt?“
Er ist noch zu sehr betroffen. Ich frage, ob er traurig ist, oder sich ärgert. Er nickt bei beiden Gefühlen und ich ermuntere ihn, es dem Lukas zu sagen.
Gelingt dieser Schritt auf der Gefühlsebene, erlebe ich meistens eine spontane Reaktion beim anderen Kind. Oft streckt es die Hand aus und sagt: „Entschuldigung.“
Jetzt ist das „Eis gebrochen“ und Lukas muss nicht in die „Verteidiger-Haltung“. Lukas kann nun leichter seine Gefühle und Ursachen für sein Verhalten sehen. „Er hat so schöne Stifte und ich nicht.“
Ich gebe ihm und seinen Gefühlen Aufmerksamkeit, ohne zu werten.
Schritt 5 die Kinder lernen eine neue Verhaltensweise kennen
Lukas gibt ihm den Stift zurück. “Du kannst doch den Chris fragen, ob er dir den Stift ausleiht.”
Nachdem er gefragt hat, schüttelt Chris den Kopf.
“Probiere es ein anderes Mal, Lukas. Das kann nur Chris entscheiden und er hat das Recht
< nein > zu sagen.”
Schritt 6 Frieden schließen
Ich frage beide nacheinander: “Ist es jetzt für dich in Ordnung?”
Dies ist ein wichtiger Punkt, weil er die Chance bietet, diesen Konflikt wirklich zu beenden es geht darum, dass beide einverstanden sind.
Ist dieser Schritt erfolgreich gelungen d.h. ist der Friede auch innen - entwickelt sich die Beziehung weiter.
Meine Hoffnung ist, dass es von den Kindern integriert werden kann und auch in späteren Beziehungen hilft, den nächsten Entwicklungsschritt zu tun.
Nach dieser Klärung wird es spannend: Wiederholt sich dieser Konflikt? Tritt er in abgewandelter Form wieder auf? Oder bleibt er ganz aus?
Eines der Ziele des Anfangsunterrichts ist es, die Grundlagen zu schaffen, dass Kinder lernen zusammenzuarbeiten. Es ist eine Chance, so früh wie möglich Handlungsstrategien einzuüben, damit sich Eigenverantwortung und Empathie entwickeln können. Produktives Lernen mit anderen wird erst dann möglich, wenn die Kinder ihre Fähigkeit entwickeln, sich selbst und den anderen zu verstehen.
Dieser Prozess braucht immer wieder Zeit, die sich lohnt und die ich gerne investiere.
Wenn Kinder ihre Gefühle äußern, zeigt das andere Kind meistens Empathie und der Konflikt kann leichter geklärt und beendet werden. Bei Kindern mit Entwicklungsstörungen, großen psychischen Verletzungen und Ängsten ist das Empathieempfinden oft gestört und entwickelt sich erst dann, wenn ihre Ängste abnehmen. Es sollte von weiteren Maßnahmen begleitet werden, dass die Entwicklung erfolgreich verlaufen kann. Diese Kinder greifen schneller zu Gewalt.
Als weitere Hilfen für das neue Verhalten lasse ich z.B. ein Bild malen, wie das Zielverhalten aussieht. Die Idee und Ausführung liegt dabei beim Kind oder es wird der Lernsatz über das Zielverhalten, also positiv ausgedrückt, mit dem Kind zusammen formuliert.
Bei einem anderen Kind, Andrea, lautete der Lernsatz: “Ich gehe achtsam die Treppe hinunter.” Dieser wurde auf ein kleines Poster geschrieben und gestaltet. Er lag solange auf der Bank des Kindes bis er nicht mehr aktuell war.
Als die Vorfälle abnahmen und in einer Woche ganz ausblieben, sagte ich das im Kreis und die anderen Kinder klatschten spontan. Andrea strahlte über das ganze Gesicht.
Wichtige Sätze bei Klärungen
Vermittler/Lehrer/Schüler: Sage, was er/sie lassen soll / tun soll
Frage, ob er/sie dich verstanden hat Zeit
lassen warten, bis es angekommen ist
evtl. wiederholen
Möchtest du ihm/ihr auch etwas sagen?
Spannend!
Wie ist das für dich? Wie fühlt es sich für
dich an? gilt für beide
Frage, was du tun kannst, damit es in Ordnung kommt.
Ist es jetzt in Ordnung für dich?
Wie heißt dein Lernsatz?
Muss positiv formuliert sein.
Grundsätze, die bei jeder Klärung gelten: Nur die Betroffenen klären ohne Schuldzuweisungen
Erfahrungen Beobachtungen Ausblick
- Belehrungen allein genügen nie , um ein positives Konflikt-/Sozialverhalten aufzubauen. Sie geben keine Unterstützung, dass neues Verhalten gelernt und integriert werden kann und sind keine echte Hilfe zur Weiterentwicklung.
- Es hat sich als hilfreich erwiesen, das Nachfragen und Klären zu trainieren, da Missverständnisse häufig die Ursache für Streit und Konflikte sind: Was meinst du? Nenne ein Beispiel!
- Klärungen kann es auch mit mir allein geben, wenn Vorfälle für das Kind peinlich sind. Diese Möglichkeit wird selten gewünscht.
- Die Information und Unterstützung der Eltern und Kollegen spielt eine große Rolle. So ist jede unserer “Goldenen Regeln” einzeln und optisch gestaltet für alle Kinder und Kollegen - deutlich sichtbar im Klassenzimmer zu sehen. Sie beschreiben das positive Zielverhalten und zeigen die Grenzen.
- Konfliktklärungen sind ein gutes Barometer, was gerade beim einzelnen Kind oder in der Klasse ansteht.
- In der 3. Klasse frage ich bei einem geeigneten Konflikt, ob ein Kind meine Rolle übernehmen möchte, wobei ich dieses Kind als Mentorin unterstütze. Meistens melden sich Kinder, die auch sonst eine ausgleichende Rolle in der Klasse haben.
- Immer wieder versuche ich an meinem Verhalten deutlich zu machen,dass etwas ‘verstehen’ und derselben Meinung sein, verschiedene Dinge sein können.
- In der 2. Klasse beobachte ich häufiger, dass Kinder Klärungen alleine probieren und erst dann zu mir kommen, wenn die Wirkung ausbleibt. Oft frage ich auch: “Habt ihr es schon alleine probiert?”
- Die Kinder treten selbstbewusster auf, indem sie ihre wirklichen Interessen vertreten, und diese ernst genommen werden: vom Lehrer und den Mitschülern.
- Ein wichtiger Ansatz des Konzepts besteht darin, dass die Kinder lernen “nein” zu sagen. “Nein” als akzeptierte Möglichkeit nimmt das Kind in seiner Ganzheit an, stärkt damit sein Selbstvertrauen und ist ein Schutz gegen Sucht und Gewalt.
Es ist mir bewusst, dass ich ein Vorbild für die Kinder bin und mein Verhal-ten für sie klar und greifbar sein muss. Ich möchte für sie ein Mensch sein, der seine Gefühle zeigt, der auch Fehler macht, und sie durch mich erfahren, dass dies sogar notwendig ist, um dazu zu lernen und sich weiterzuentwickeln.
Das beschriebene Konzept ist einfach durchzuführen und hat mit der Zeit
eine große Wirkung. Schon bald beobachte ich, dass das Verhalten, den anderen zu beschuldigen, abnimmt. Es kann eine Atmosphäre entstehen, in der Friede immer wieder möglich ist.
Für Julius, Leah, Hannah, Sophia und Felix - 2011